Wie aus einer alten Lieblingshose eine neue Hose wird. Schnittabnehmen und selber seine Lieblingshose nähen.

Ich habe eine Lieblingshose in verschiedenen Farben. Leider fallen diese Hosen mir inzwischen vom Laib weil sie materialermüdet sind. Was tun wenn dieses Modell vom Hersteller aus dem Programm genommen wurde? Selbermachen! Nur wie? Wie kommt man nun zum Schnitt? Es gibt drei Möglichkeiten:

1. Man gewöhnt sich an die Idee und sucht nach einer neuen Lieblingshose. Nachteil dabei: die Suche ist mühsam und man ist erneut abhängig.

2. Man sucht eine Schnittdirektrice auf und lässt sich einen Schnitt von der Lieblingshose machen. Vorteil: die Fachfrau kann es und man bekommt einen funktionierende Schnitt.

3. Man trennt eine noch möglichst gut erhaltene Hose auf und macht sich selbst daraus einen Schnitt. Nachteil: die Hose ist verzogen da oft gewaschen und getragen und es ist nicht leicht hier einen guten Schnitt abzunehmen. Vorteil: Man hat (theoretisch) den Schnitt gleich und muss nicht Warten. Man macht eine wertvolle neue Erfahrung! Nachteil: es ist anspruchsvoll und zeitaufwändig (und kostet Nerven).

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten der Berichterstattung:

  1. Ich nenne sie mal die „bezaubernde Jeannie-Variante“ die da ungefähr so kling: Ach da hab ich mir mal schnell meine Lieblingshose nachgenäht! Wie das geht? Einfach die alte Hose auftrennen, den Schnitt abnehmen, neune Hose aus Biostoff nähen, ein Nesselmodell braucht es hier nicht und dann viel gut aussehen auf stimmungsvollen Fotos.
  2. die „ich weiß nicht genau wie es geht wird, will es aber unbedingt also kämpfe ich-Variante“. Hier fließt Schweiß, fallen Flüche, fließen Tränen und am Ende sitzt, nach tagelangem Ringen, eine neue Lieblingshose an einem erschöpften Laib. Gut dabei aussehen Fehlanzeige!

Die erste Variante wird es hier nicht geben. Dafür finden sich x andere Blogs wo immer alles ganz einfach aussieht und man sich dann beim Selbstversuch völlig blöd vorkommt weil auf einmal lauter Eventualitäten aus dem Nichts auftauchen und man gar keine so gute Figur beim DIY-Projekt macht.

Ich fragte mich eine ganze Weile ob ich dieses Fass nun aufmachen solle und, viel wichtiger, ob ich es hinbekommen würde. Ich trennte also eine der Hosen auf (ich hatte eine die ich wegen der Farbe wenig getragen hatte). Das Auftrennen der Kappnähte war schon eine Sache für sich und ein Hauch erster Zweifel tauchten auf.

Ich reduzierte ein paar Schmucktaschen weg weil die Anzahl an Teilen und die Machart mich eh schon zu überfordern drohte und nahm in stundenlanger Arbeit den Schnitt auf Packpapier ab. Bis hier ist schon ein Tag vergangen (natürlich habe ich dazwischen  mal gekocht oder sowas)

Jetzt dauerte es wieder einige Wochen weil ich mich nicht an die Umsetzung traute. Warum? Weil ich fürchtete dass der Schnitt nicht reibungslos funktioniert und dann gewiss ist dass ich Stunden versenkt hatte und das Projekt wieder auf Null steht.

Ich raffte meinen Mut zusammen und fertigte sinnvollerweise ein Nesserlmodell an. Bis ich raus hatte wie das mit den Kappnähten ging und wie die aufwändigen Teile der Reihe nach zusammen gehörten verging wieder ein Arbeitstag. Am Abend wusste ich dann wenigstens dass es funktioniert, die Hose passt.

Am nächsten Tag begann ich also mit dem „echten“ Stoff zu arbeiten. Es vergingen wieder viele Stunden mit Zuschneiden, Abnähern am Knie, Kapp- und  Ziernähten. Ich träumte nachts von der Hose und war in Summer durchaus angespannt.

Natürlich wurde ich von meinem Mann und meiner Freundin zu recht gefragt warum ich so angespannt sei denn das Projekt sein doch absolut freiwillig (mein armer Mann muss schon auch mitleiden in solchen Phasen!). Für mich macht das keinen Unterschied ob etwas freiwillig ist oder ein Projekt beruflicher Natur ist. Es geht darum eine Aufgabe, ein Rätsel erfolgreich zu lösen. Schaff ich es oder nicht ist die Frage. Zumal mir daran lag eine dauerhafte Lösung für mein Hosenproblem in Händen zu halten. Nebenbei fällt es mir schwer etwas einzustampfen wo ich Tage investiert habe. Dazu habe ich zu wenig Zeit und zu viel vor! Ich gehöre nicht zu den Leuten die angefangene Projekte so lange liegen lassen bis sie erfolgreich verdrängt werden können um irgendwann in der Vergessenheit klammheimlich entsorgt zu werden.

Irgendwann war es dann geschafft. Die Hose sitzt wie gewünscht. Ab jetzt kann sie in allen Farben so oft reproduziert werden wie ich Zeit und Geduld habe.

Dafür musste ich nur noch am Schnitt eine Änderung vornehmen. Nicht wegen der Passform sondern wegen der Herstellungsfunktionalität. So wie der Schnitt war war er vielleicht gut, aber für mich an einer Stelle absolut ätzend in der Verarbeitung.

Das Ändern dieser neuralgischen Stelle kostete wieder 2 Stunden bis alles so aussah dass es zukünftig für mich einfacher sein  würde denn ich habe vor mir mehrere Hosen zu nähen, nicht nur eine einzige.

Es ist eine Woche vergangen und ich habe die Hose noch nicht getragen. Warum? Weil die Erinnerung an die Mühen noch zu frisch sind um sie dem Leben und damit der Vergänglichkeit zu überlassen. Das geht mir mit neuen Hausschuhen auch so. Es dauert bis ich mir einen Ruck geben und das Erschaffene zum Alltagsgegenstand wird.

Ist es denn nun sinnvoll sich so viel Mühe zu machen oder eher doch nicht?

Wer den einfachen Weg gehen möchte sollte aus meiner Sicht solche Vorhaben vermeiden und sich im Internet ein neues Kleidungsstück kaufen.

Wer an seinem Knowhow arbeiten will und nebenbei ein Stück weiter unabhängig von der Modeindustrie werden möchte der lacht sich mit einem solchen Projekt eine würdige Entwicklungshilfe an! Ich freu mich sehr über mein Ergebnis und verkneife mir gerade das Einkaufen im Stoffladen. Das muss jetzt eine Weile warten weil ich eine Menge anderer Dinge zu tun habe und mich nicht durch schöne buten Hosen ablenken lassen will.

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